
Juristische Übersetzung und maschinelle Übersetzung: 9 Gründe, warum Rechtstexte eine andere Kategorie sind

MMag. Katarina Rohsmann, MA
Juristische Übersetzung per Knopfdruck – praktisch und günstig. Warum Übersetzungssoftware bei Rechtstexten trotzdem an ihre Grenzen stößt und Fehler teuer werden können.
Was also kann Übersetzungssoftware bei Rechtstexten – und was nicht? Als Lawyer-Linguist (Juristin und Rechtsübersetzerin für die Sprachen Englisch, Französisch und Italienisch) beschäftige ich mich laufend mit dieser Frage, über die ich auch meine Masterarbeit verfasst habe.
Rasch, günstig, unkompliziert – was will man mehr? Ist es nicht praktisch, wenn einem der Computer den fremdsprachigen Vertragsentwurf auf Knopfdruck auswirft? Das spart Zeit, Geld und Koordinationsaufwand. Und in anderen Lebensbereichen lassen wir uns doch auch gerne von Technik unterstützen.
Aber eine professionelle Fachübersetzung ist keine Rechenaufgabe, und eine Übersetzungssoftware ist kein Taschenrechner. Vielleicht sollte man sie eher mit einer Wetter-App vergleichen: ein nützliches Tool, wenn ein grober Überblick genügt. Gefährlich, wenn man ihr auf einer Wanderung ins Hochgebirge blind vertraut.
1. Juristische Übersetzung = Rechtsvergleichung
Wer Rechtstexte übersetzt, vergleicht Rechtssysteme. Die Bedeutung eines Rechtsbegriffs in einer Sprache muss mit der Bedeutung des der möglichen Übersetzung in eine andere Sprache und Rechtsordnung verglichen werden. Nur selten stimmen beide Begriffe in ihrer Bedeutung vollständig überein. In allen anderen Fällen muss eine Entscheidung getroffen werden: Sind die Begriffe ähnlich genug, um im konkreten Fall als Übersetzung zu taugen? Oder braucht es eine Hilfslösung – etwa eine erklärende Anmerkung?
Übersetzungssoftware berechnet Wahrscheinlichkeiten. Doch die statistisch wahrscheinlichste Variante kann richtig, einigermaßen verständlich oder vollkommen falsch sein. Rechtsvergleichende Kenntnisse kann man von ihr nicht erwarten. Daher sollte man sich bei jedem Anwendungsfall die Frage stellen, wie schlimm es wäre, wenn die Software an entscheidenden Stellen falsch liegt.
2. Juristische Texte stehen nicht für sich allein
Auch Texte haben Beziehungen – man nennt das Intertextualität. Verträge enthalten Begriffe, die in anderen Texten derselben Organisation, in Gesetzen oder Urteilen definiert werden. Diese Definitionen muss man kennen, um den Text richtig zu verstehen, zumal sich die rechtliche Bedeutung eines Begriffs oft erheblich von der Alltagsbedeutung unterscheidet.
Dazu kommt: Viele juristische Texte enthalten Begriffe aus dem EU-Recht, für die bereits offizielle Übersetzungen in alle EU-Sprachen existieren. Wer diese ignoriert und eigene Lösungen erfindet, schafft Verwirrung – selbst wenn die eigene Übersetzung für sich genommen korrekt ist. Dasselbe gilt für Institutionen und Funktionsbezeichnungen mit etablierten offiziellen Entsprechungen. Das erstaunliche an Übersetzungssoftware: Obwohl sie mit Massen an EU-Übersetzungen trainiert wurde, liefert sie oft wortwörtliche Übertragungen anstatt der offiziellen Übersetzungen. Ähnlich ist es bei Institutionen und Stellenbezeichnungen, für die eine offizielle (meist englische) Übersetzung existiert.
Nicht zuletzt nehmen Texte auch explizit Bezug auf andere Texte, etwa in Form von Zitaten und Verweisen. Wurde das zitierte Werk übersetzt, so besteht die Übersetzungsaufgabe nicht darin, sich einen neuen Namen zu überlegen, sondern, den bestehenden Namen zu finden und zu übernehmen. Eine Übersetzungssoftware macht das nicht.
Einer Studie zufolge entfällt bei Rechtsübersetzungen rund 40 % der Übersetzungszeit auf Recherchearbeit. Diese Arbeit kann keine Software übernehmen.
3. Fachsprache ≠ Alltagssprache: Im Recht kommt es auf Präzision an.
Eigentum oder Besitz? Kündigung oder Entlassung? Was im Alltag oft synonym verwendet wird, unterscheidet sich rechtlich wesentlich – und was umgangssprachlich noch als „unscharf, aber verständlich" durchgeht, ist in einer juristischen Übersetzung schlicht zu ungenau.
Übersetzungsprogramme lernen an unzähligen Alltagstexten und übernehmen deren Unschärfen. In komplexen Rechtstexten kann das dazu führen, dass der Sinn ins Gegenteil verkehrt wird, während die Übersetzung für das ungeübte Auge flüssig und plausibel wirkt.
Ein konkretes Beispiel: Aus dem deutschen Satz „Die Eigentumsklage ist gegen den Besitzer oder bloßen Inhaber der Sache zu richten" wird in der automatischen Übersetzung: „The action for ownership must be brought against the owner or mere possessor of the item." Mit anderen Worten: Der Eigentümer soll sich selbst auf Herausgabe des Eigentums klagen. Viel Erfolg!
4. Schachtelsätze überfordern auch die Maschine
Wie viele Wörter passen in einen juristischen Satz? In einem italienischen Urteil bin ich kürzlich auf einen Satz mit 213 Wörtern gestoßen. Derartig lange, verschachtelte Konstruktionen sind nicht nur schwer zu lesen, sondern auch schwer zu übersetzen. Das gilt für Menschen genauso wie für Maschinen, deren Fehleranfälligkeit mit der Satzlänge steigt.
Komplexe logische Abhängigkeiten innerhalb eines Satzes bringen die Übersetzungssoftware schnell an ihre Grenzen. Worauf beziehen sich etwa Pronomen wie „ihre“ in einem Satz, der sich über viele Zeilen zieht?
Menschen schließen, wenn es sprachlich nicht eindeutig ist, aus dem Kontext –Maschinen rechnen, ohne zu denken. Auslassungen und Bezugsfehler sind die Folge. Sie schlummern unentdeckt in Vertragsunterlagen und kommen irgendwann vielleicht ans Tageslicht. Womöglich genau dann, wenn es besonders ungünstig ist.
5. Fachsprache lebt von terminologischer Konsistenz
In der Fachsprache gilt: ein Begriff, eine Bedeutung. Stehen ausnahmsweise mehrere Synonyme zur Auswahl, entscheidet man sich für eine Variante und bleibt dabei – auch wenn es in der Schule für Wortwiederholungen Punkteabzüge gab. Das abgesehen davon, dass Fachbegriffe oft nur so wirken, als wären sie Synonyme, während der Teufel im Detail steckt.
In einer Studie, die ich 2025 für meine Masterarbeit durchgeführt habe, gaben 82 % der Befragten an, dass falsche oder uneinheitliche Übersetzungen von Fachterminologie zumindest teilweise gegen den Einsatz von Übersetzungssoftware in Anwaltskanzleien sprechen.
6. Sprachliche Konventionen: Was in einer Rechtsordnung selbstverständlich ist, funktioniert in einer anderen nicht
Wie werden vertragliche Verpflichtungen ausgedrückt? Wie ausführlich werden Verträge typischerweise gestaltet? Ist es üblich, Verträgen eine Präambel oder eine Liste mit Definitionen voranzustellen? Die Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich von Rechtsordnung zu Rechtsordnung.
Nun könnte man meinen, dass die Übersetzung eben den Stil der Ausgangssprache widerzuspiegeln hat, auch wenn in der Zielsprache andere Konventionen üblich sind. Doch ein Vergleich mehrsprachiger Staaten zeigt, dass das nicht überall so gesehen wird. Davon abgesehen gibt es Formulierungen, die wortwörtlich in eine andere Sprache übertragen ganz einfach keinen Sinn ergeben.
Professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer vergleichen mögliche Varianten und treffen Entscheidungen. Maschinelle Übersetzung bildet die Strukturen des Ausgangstexts nach – ob das im Einzelfall sinnvoll ist oder nicht.
7. Mehrdeutigkeit: Wenn Interpretation Kontext braucht
Ein Gericht anrufen? Nichts leichter als das – die Nummer der Vermittlung findet man im Internet.
Ach, Sie wollten das Gericht nicht anrufen, sondern anrufen?
Das ist schon komplizierter. Am besten, Sie wenden sich dafür an einen Experten oder eine Expertin. Das Gleiche gilt übrigens auch für andere Expertentätigkeiten – wie etwa das Rechtsübersetzen.
8. Österreichisch, Schweizerdeutsch, Südtirolerisch – von welchem Deutsch sprechen wir eigentlich?
Oft liest man, dass Übersetzungssoftware mit der Sprachkombination Deutsch-Englisch gut umgehen kann, weil es für diese „großen Sprachen“ viele Trainingsdaten gibt. Aber von welchem Deutsch ist dabei eigentlich die Rede?
Gerade in der Rechts- und Verwaltungssprache gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den nationalen Varianten. Falls Sie aus Deutschland sind, können Sie jetzt gleich den Test machen: Woran denken Sie beim Begriff „Exekutionsverfahren“?
In anderen Fällen zeigt nur ein verräterisches Fugen-s (Schadensersatz), dass die Variante nicht stimmt. Oder die „leichte“ Fahrlässigkeit plötzlich zur „einfachen“ Fahrlässigkeit (und zeigt den geschulten Leser*innen dadurch auf einen Blick, dass die Übersetzung nicht zur eigenen Rechtsordnung passt.
Übersetzungssoftware wird großteils mit der bundesdeutschen Sprachvariante trainiert und präsentiert diese, ohne nachzufragen, als „deutsche“ Übersetzung. Eine professionelle Übersetzerin fragt hingegen nach, in welchem Land die „deutsche“ Übersetzung verwendet werden soll.
9. Haftung bei Übersetzungsfehlern: Was passiert, wenn etwas schiefgeht?
Maschinelle Übersetzungssysteme machen Fehler. Menschen auch. Doch was passiert, wenn etwas schiefgeht.
Professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer haften für ihre Arbeit und sind entsprechend versichert. Entsteht durch eine fehlerhafte Übersetzung ein Schaden, greift im Ernstfall die Versicherung ein. Wer stattdessen auf Software setzt, sollte die Nutzungsbedingungen des jeweiligen Anbieters genau lesen – und wird möglicherweise überrascht sein.
Die Folgekosten einer fehlerhaften Übersetzung können um ein Vielfaches höher sein als der eingesparte Betrag. Der Einsatz von Übersetzungssoftware ist daher immer auch eine Frage des Risikomanagements.
Möchten Sie sich näher mit diesem Thema beschäftigen?
Einen Auszug der Ergebnisse meiner Masterarbeit habe ich im Fachmagazin meines Berufsverbandes UNIVERSITAS Austria veröffentlicht:
Rohsmann, Katarina (2025). „…immer nur ein Erstentwurf“: DeepL & Co. in österreichischen Anwaltskanzleien. UNIVERSITAS. Fachmagazin für Dolmetschen und Übersetzen 04/2025, 15-17. Hier geht es zum Download.
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Katarina Rohsmann ist Rechtsübersetzerin und Juristin. Unter dem Motto recht·präzise·übersetzt bietet sie juristische Übersetzungen, Dolmetschleistungen und Sprachtraining an der Schnittstelle von Sprache und Recht.
